Was macht eigentlich...Erhard Keller?

Er ist einer der erfolgreichsten deutschen Eisschnellläufer aller Zeiten: Dr. Erhard Keller eroberte 1968 bei den Olympischen Spiele in Grenoble und 1972 in Sapporo über seine Spezialstrecke (500m) die Goldmedaille, gewann 1971 in Inzell die Sprint-Weltmeisterschaft und stellte Weltrekorde über die 500m, 1000m sowie in der Sprintwertung auf. Der Zahnarzt moderierte in den 70er Jahren in der ARD die Show „Spiel ohne Grenzen“. Im ZDF war er Gastmoderator im Aktuellen Sportstudio. Wir wollten wissen, was er heute macht.

Was macht Erhard Keller heute?

Ich bin Privatier. Meine Praxis habe ich an meine ehemaligen Assistenten abgegeben und verwalte meine Immobilien. Ansonsten mache ich Ferien.

Nicht zuletzt Ihre beiden Olympiasiege haben einen Eisschnelllaufboom in Deutschland ausgelöst. Erzählen Sie doch mal ein wenig darüber.

Nach den Olympischen Spielen von Innsbruck 1964 wurde in Inzell eine Kunsteisbahn gebaut, gleichzeitig eines der ersten Bundesleistungszentren in Deutschland. Alles mit der Unterstützung von Bund, Land und dem Deutschen Sportbund und der Sporthilfe, die damals gerade ins Leben gerufen wurde. Ich habe diese Chance dann wahr genommen und bin von München nach Inzell gezogen, um die damals besten Trainingsmöglichkeiten nutzen zu können. So konnte sich schließlich meine Leistung von 1968 erst einstellen. Durch meinen Olympiasieg verstärkte sich der Boom natürlich noch und es wurde noch mehr investiert, wodurch es zu noch mehr Zuspruch von jungen Sportlern kam. Damals betrieben mehr Leute Eisschnelllauf als heute. 1972 steigerte sch das nochmals und auch München versuchte Eisschnelllauf-Talente zu gewinnen. Anfänglich lief das auch, schlief aber mit der Zeit wieder ein. Der große Knacks für die westdeutschen Eisschnellläufer kam dann durch die Wiedervereinigung, da die DDR natürlich eine Riesen-Eisschnelllauf-Mannschaft besaß. Es verlagerte sich eben alles in die neuen Bundesländer.

Wie haben Sie den Boom nach Ihren Olympiasiegen empfunden?

Natürlich war ich von dem Boom begeistert und durch die Olympiasiege von mir und Monika Pflug interessierten sich noch mehr Leute für diese Sportart. Ich war z.B. damals nahezu jeden Samstag im Aktuellen Sportstudio, so was ist heutzutage unvorstellbar, da gibt es nur noch Fußball. Natürlich waren die Leute dadurch viel besser über Eisschnelllauf informiert und fasziniert.

1973 wurden Sie Profi und Weltcupsieger in der ISSL Profiliga. Wie kam es dazu, was haben sie damals verdient und gab es vor und während dieser Zeit Probleme mit dem IOC?

Probleme hatten wir schon 1972 ein wenig mit dem damaligen Präsidenten. Es wurde eine Liste von Sportlern aufgestellt, bei denen man vermutete, es sei etwas Geld im Spiel. Karl Schranz war wegen einer relativ bedeutungslosen Geschichte dann mit seiner Sperre in Sapporo das erste Opfer, aber auch ich und Ard Schenk standen auf dieser Liste. Allerdings wurden diese Namen nicht mehr weiterverfolgt, da sonst die Olympischen Spiele ins Wanken geraten wären. Schließlich kamen die Schweden zusammen mit den Amerikanern auf die Idee, eine Profiliga zu gründen, zu der die 16 weltbesten Läufer eingeladen wurden. Pro Rennen konnte man 25.000 DM gewinnen und ich siegte in allen 10 Rennen der Serie, womit ich meine Zahnarztpraxis finanzieren konnte. Am Anfang hat das auch hervorragend funktioniert, aber schließlich erhob der Amateurverband Einspruch und so wurden die staatlich geförderten Bahnen nur noch an Amateure vermietet. Das Projekt ist also nicht an mangelnder Attraktivität, sondern an fehlenden Bahnen gescheitert.

Kleine Randgeschichte: Wir haben gelesen, Sie bekamen früher in Holland auch schon mal Tulpenzwiebeln für einen Sieg.

Stimmt, Siegesprämie waren Tulpenzwiebeln, um den Amateurstatus zu erhalten. Einer der Hauptsponsoren des holländischen Verbandes fragte dann nach den Rennen, ob man die Zwiebeln behalten oder eher verkaufen wolle. Natürlich wollte man verkaufen und konnte so mit 10000 oder 15000 Gulden nach Hause gehen. In Skandinavien gab es z.B. Umschläge mit den Antrittsgeldern.

Trotz Antrag auf Reamateurisierung durften Sie an den Olympischen Spielen von 1976 nicht teilnehmen. Haben Sie das eventuell verpasste dritte Olympiagold in Innsbruck sehr bedauert?

Es ist hypothetisch zu sagen: Ich hätte das dritte Gold gewonnen. Wahrscheinlich ja, da ich bei den Testrennen auch außer Konkurrenz die schnellsten Zeiten erzielen konnte, aber nachdem der Antrag auf Reamateurisierung abgelehnt wurde, erübrigt sich die Frage.

Sie haben als  Zahnarzt praktiziert. Haben Sie sich auf Ihren Beruf schon während Ihrer Karriere vorbereitet?

Ich habe mich sofort nach dem Abitur zum Studium der Zahnmedizin eingeschrieben und die Sommersemester auch komplett durchgezogen. In den Wintersemestern war ich natürlich weniger da, konnte aber trotz 1 ½ verlorener Studienjahre Studium und Sport gut vereinbaren.

Sind Sie dem Eisschnelllaufsport noch verbunden oder beobachten ihn zumindest noch und wie schätzen Sie die Situation des Eisschnelllaufs in München ein?

Bei Weltcups in Inzell bin ich immer noch persönlich anwesend. 2 oder 3mal pro Woche gehe ich ins Eisstadion im Ostpark und sehe mir an, welche Talente dort rumlaufen. Allerdings schläft z.B. der Münchner Eislaufverein momentan ein wenig ein. Es bemühen sich sehr viele langjährige Mitglieder, allerdings ohne große Aktivität, so dass sich die Münchner Eisszene eher nach Ottobrunn und zu SLIC München verlagert hat. In Ottobrunn sind z.B. Monika Pflug und ihr Mann eingebunden, wodurch der Zulauf an hoffnungsvollen Eisschnelllauf-Talenten immer größer wird. Es ist eben wichtig auch den einen oder anderen großen Namen im Verein zu haben. Eine eventuelle Olympiaaustragung Münchens hätte da natürlich eine ungleich größere Chance bedeutet den Eisschnelllaufstandort München nachhaltig zu etablieren.