Was macht eigentlich...Jens Steinigen?

Jens Steinigen ist ein ehemaliger deutscher Biathlet und Staffel-Olympiasieger von 1992. Er arbeitet seit 2000 als Rechtsanwalt in Traunstein, seit 2004 ist er zudem Fachanwalt für Arbeitsrecht.
So nüchtern und in einem Satz ließe sich der Protagonist des folgenden Gespräches beschreiben. Hinter dieser Kurzzusammenfassung steht allerdings auch ein Mensch, der sich in der DDR dem Doping verweigerte und zum Zerstörer seiner Sportart abgestempelt wurde.


Zum Hintergrund: Du gehörtest in der ehemaligen DDR zu den auserwählten Sportlern, die zu den Olympischen Spielen in Calgary 1988 entsandt werden sollten. Im Vorfeld wurdest Du aufgefordert, zu leistungssteigernden Mitteln zu greifen und hast dies abgelehnt. Erzähl` die Geschichte doch mal.

Es war ca. im Herbst 1985, als im Rahmen einer Teambesprechung die Einnahme gewisser Mittel an uns herangetragen wurde. Auf Nachfragen der Älteren in der Mannschaft wurde dann auch vom Mannschaftsarzt bestätigt, dass es sich um leistungssteigernde Präparate handelt, die auf der Dopingliste stehen. Es könne aber nichts passieren, da man die Mittel nur im Training einsetzen und mit Ausreisekontrollen sicherstellen würde, dass dies bei einer etwaigen Dopingkontrolle nach einem Wettkampf nicht auffällt. Ich habe mich dann dafür entschieden, die Präparate nicht zu nehmen. Anfangs habe ich sie einfach heimlich entsorgt, 1986 habe ich dann der Mannschaftsführung offiziell mitgeteilt, dass sie mir das Zeug bitte überhaupt nicht mehr zu geben brauchen. Nach diversen Diskussionen und Konflikten eskalierte das Geschehen im Herbst 1987 während eines Lehrgangs am Dachstein. Wenn man auf diese Mittel verzichtet, merkt man das natürlich schon im Training, z.B. weil der Körper nach den sehr harten Belastungen nicht so schnell regeneriert, wie bei anderen Sportlern. Im Ergebnis wurde ich aus der Nationalmannschaft geworfen und von der weiteren Olympiavorbereitung ausgeschlossen. Die Begründung der DDR-Sportführung lautete damals im Originalton, dass meine Persönlichkeitsentwicklung nicht ausreichen würde, um die Zielstellung zur Olympiade 1988 abzusichern.

Was ging da in Dir vor?

Ich wurde dann in die zweite Reihe versetzt und durfte dann nur noch an Wettkämpfen in den „sozialistischen Bruderländern“ teilnehmen. Natürlich war das eine riesige Enttäuschung für mich, Olympia war ja mein großer Traum. Ich habe auch darüber nachgedacht, ob es nicht doch besser gewesen wäre, bei der Rückfahrt vom Dachstein in die DDR einfach beim letzten Stopp in der BRD nicht mehr in den Mannschaftsbus einzusteigen. Darüber hatte ich während der Rückfahrt zwar nachgedacht, da ich schon etwas ahnte, hatte dies aber verworfen. Meine Freundin war damals schwanger und auch meinen Eltern und Geschwistern hätte man in der DDR wohl übel mitgespielt.

Hast Du damals ans Ende der Karriere gedacht? Kam die Wiedervereinigung irgendwie einer zweiten sportlichen Chance gleich?

Die Versetzung in die zweite Reihe kam international faktisch einem Karriereende gleich. Die Qualifikationskriterien für die Weltcupmannschaft wurden in den darauf folgenden zwei Jahren für die Sportler der zweiten Reihe dann auch so aufgestellt, dass eine Qualifikation praktisch ausgeschlossen war, oder die Qualifikation wurde gleich ganz abgesagt. Ohne den Fall der Mauer wäre meine Karriere wohl zu Ende gewesen. Ich selbst habe damals dann bei Nacht und Nebel meine Sachen zusammengepackt und bin über Tschechien nach Ruhpolding geflüchtet in der Hoffnung, meinen Sport dann weiter betreiben und wieder an Weltcups oder sogar an einer Olympiade teilnehmen zu können. Ohne Wiedervereinigung gäbe es heute keinen Olympiasieger Jens Steinigen.

Du hast, angesichts der auch in der nun „vereinigten“ deutschen Mannschaft nach wie vor vorhandenen ehemaligen DDR-Trainer einmal gesagt: „Ich kam vom Regen in die Traufe“. Wie darf man sich das vorstellen?

1990/91 bestand ja das Problem, dass exakt dieselben Trainer, die 1987 für die DDR-Mannschaft verantwortlich waren, nun für die gesamtdeutsche Mannschaft zuständig waren. Von diesen Trainern habe ich keine faire Behandlung erwartet, nach meinen Erlebnissen in der DDR.

Was hat Dich dazu gebracht, mit dieser Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen?

Die Ursache lag eigentlich in der Haltung des Deutschen Skiverbandes, der damals meinte, das DDR-Doping-Problem durch Druck aus der Welt schaffen zu können. Anfang 1991 habe ich Helmut Weinbuch sen. auf die Dopingvergangenheit der vom DSV im Biathlon eingesetzten ehemaligen DDR-Trainer aufmerksam gemacht. Er versprach mir Aufklärung. Es passierte aber nichts in diese Richtung. Im Gegenteil, von meinem damaligen Dienstvorgesetzten wurde mir kurz danach verboten, mit der Presse zu sprechen. Mein damaliger Trainer Wolfgang Pichler wurde in das Langlaufteam versetzt. Wir sahen dann eigentlich nur noch die Möglichkeit, uns an die Öffentlichkeit wenden, um überhaupt eine Chance auf die Qualifikation für Nationalteam und Olympia zu haben. Uns war klar, dass ich ohne einen Gang an die Öffentlichkeit auch im Westen keine realistische Chance auf die Teilnahme am Weltcup oder an Olympischen Spielen haben werde.

War diese Veröffentlichung mit ein Grund dafür, dass es letztlich trotzdem mit Olympia und sogar dem Olympiasieg geklappt hat?

Das war ganz sicher ein wesentlicher Grund. Z.B. hatte ich mich 1991 im Herbst recht souverän für die Weltcupmannschaft qualifiziert. Unmittelbar im Anschluss an das Ende der Qualifikation wurde dann von den Trainern beschlossen, dass die Qualifikation doch nicht zählt und noch einmal um eine Woche verlängert wird. Wolfgang Pichler sprach dann Herrn Weinbuch sen. auf diese erneute Benachteiligung an. Man fürchtete dann beim DSV wohl, dass man sich in der Öffentlichkeit damit auseinandersetzen muss, revidierte die Trainerentscheidung wieder und nominierte mich doch für den Weltcup, dies allerdings mit der Einschränkung, dass ich beim ersten Weltcup in Hochfilzen keinerlei Betreuung seitens des Verbandes bzw. der Nationalmannschaft erhalte und auch abseits der Mannschaft wohnen muss. Wir haben dann einfach unser eigenes Team zusammengestellt und sind nach Hochfilzen gefahren. Den erster Weltcup nach fast 5 Jahren, 20 Km in Hochfilzen, habe ich dann trotz schlechter Startnummer gleich gewonnen, womit auch schon die Olympiaqualifikation geschafft war. Kritisch wurde es in dieser Saison dann nur noch einmal vor dem letzten Weltcup-Einzelrennen vor den Olympischen Spielen. Am Freitag vor dem 10-Km-Rennen in Ruhpolding hatte das NOK die Olympiamannschaft bekanntgegeben, mein Name war natürlich darunter. Dies wurde dann vom DSV kurz danach wieder dementiert, da ich nach dem Sieg in Hochfilzen nicht mehr im Weltcup gepunktet hatte und man sich daher evtl. doch noch für andere Sportler entscheiden würde, jedenfalls wenn ich auch am Samstag im 10-Km-Rennen wieder eine schlechte Leistung abliefere. Für schwache Nerven war das nichts, zumal ich vor dem Wettkampf dann auch noch von vielen Pressevertretern darauf angesprochen wurde, es eigentlich kein anderes Thema gab. Auch das 10-Km-Rennen in Ruhpolding habe ich dann gewonnen, so dass jede Diskussion beendet war. Die Krönung in dieser Saison war dann natürlich der Olympiasieg.

Du bist heute Rechtsanwalt, wie und wann hast du Dich dazu entschlossen?

Im Frühjahr 1993 habe ich beschlossen, Jura zu studieren. Ich bin dann zu den Laufbahnberatern des Olympiastützpunktes Bayern gegangen. Axel Kuhlen hat sich dann der Sache angenommen, den Kontakt zur LMU Kontakt hergestellt und mir sehr geholfen, etwa indem er zusammen mit der Uni meinen Studienplan, abgestimmt auf meine Sportlerkarriere, erarbeitet hat. Den Plan habe ich dann allerdings nicht eingehalten. Geplant war, das erste Staatsexamen nach 12 Semestern abzulegen. Ich habe dann schon nach 8 Semestern ein recht gutes erstes Staatsexamen geschrieben.

Heute wird ja oft von „Dualer Karriere“ gesprochen. Wie siehst du rückblickend diese Entwicklung?

Die Problematik der Vereinbarkeit von Schule bzw. Ausbildung und Leistungssport war ja schon lange bekannt. Ich sehe aber, dass sich die Rahmenbedingungen für Sportler in den letzten Jahren erheblich verbessert haben, auch weil bei allen am Sport beteiligten Institutionen inzwischen deutlich mehr Problembewusstsein vorhanden ist. Ich begrüße das sehr.

Du hast versucht, eine Art symbolische Entschädigung für Opfer des DDR-Dopings Systems zu erhalten. Warum der Versuch, Unrecht eines nicht mehr existenten Staates im Nachfolgestaat wieder gut machen zu wollen?

Ich habe als Anwalt Anfang des letzten Jahrzehnts einen Prozess gegen das NOK für Deutschland geführt, in dem es um die Entschädigung für ein Opfer des DDR-Dopingsystems ging. Zuvor hatte ich die Sportlerin im Strafprozess gegen ehemalige DDR-Sportfunktionäre als Nebenklägerin vertreten. Im Strafprozess ging es aber natürlich nicht um Entschädigungen. Nach dem Ende des Strafprozesses stellte sich dann die Frage nach Entschädigung für die, die tatsächlich auch körperliche Schäden aufgrund Dopingmissbrauchs davon getragen hatten. Aber es war nach dem Ende der DDR und der Auflösung der dortigen Sportorganisationen schwer, dafür jemanden verantwortlich zu machen. Im Rahmen meiner Recherchen erhielt ich dann den Tipp, dass das NOK der DDR Anfang der 1990er Jahre sein gesamtes Vermögen, etwa 5 Mio. DM, auf das NOK West übertragen hatte. Damals gab es im BGB noch eine Vorschrift, aus der sich ergab, dass Ansprüche auch gegen denjenigen geltend gemacht werden können, der das Vermögen eines anderen übernimmt. Nachdem die Haftung des NOK der DDR für Schäden von ehemaligen DDR-Sportlern auf Grund der Beteiligung am flächendeckenden DDR-Dopingsystem letztlich unproblematisch war und das NOK West dessen gesamtes Vermögen übernommen hatte, lag es also nahe, das NOK West in einer Art Musterprozess in Anspruch zu nehmen. Auch wenn im Westen natürlich niemand für das DDR-Dopingsystem verantwortlich gemacht werden kann, so gab es aus meiner Sicht doch zumindest eine gewisse moralische Verantwortung des nach der Wiedervereinigung gesamtdeutschen Sports für die Geschädigten des DDR-Dopings Systems, der auf diesem Weg auch die juristische Verantwortung folgte. Ergebnis dieses Prozesses waren dann nicht unerhebliche Entschädigungszahlungen an eine Vielzahl von geschädigten Sportlern. Rein juristisch war das natürlich auch ein sehr großer Erfolg.

Kannst Du das alles nach über 20 Jahren vergessen und eventuell vergeben?

Ich bin mit mir und dem Sport absolut im Reinen. Ich wollte unbedingt Olympiasieger werden, das habe ich geschafft, also ist alles OK. Man ärgert sich höchstens auch nach 20 Jahren noch über den einen oder anderen Fehlschuss zu viel. Dafür kann aber außer mir wirklich niemand etwas.

Rückblickend: Würdest Du behaupten, in dieser Angelegenheit alles richtig gemacht zu haben oder hättest Du gewisse Dinge mit der Erfahrung von heute anders gemacht?

Im Nachhinein betrachtet habe ich alles richtig gemacht, selbst wenn damals in vielen Situationen nicht genügend Zeit blieb, über die Dinge ausreichend nachzudenken.

Hast Du als Rechtsanwalt schon mal mit Doping-Opfern zu tun gehabt?

Seit dem oben erwähnten Verfahren damals nicht mehr, aber die Arbeit als Rechtsanwalt geht dennoch nie aus.

Es liegt ja nun ein Gesetzentwurf „Antidopinggesetzgebung“ vor. Wie beurteilst du diesen aus Sicht des Juristen und ehemaligen Sportlers.

„Es steht für mich außer Frage, dass der Gesetzgeber etwas unternehmen muss. Die Sportverbände alleine können Doping nicht effektiv bekämpfen, schon weil sie gar nicht über die rechtlichen Möglichkeiten verfügen, wie sie etwa stattliche Ermittlungsbehörden haben, dies zumindest teilweise wohl aber auch gar nicht so recht wollen. Ich sehe den Staat sogar in der Pflicht, gegen Manipulationen einzuschreiben und auch im Spitzensport für einen fairen Wettbewerb zu sorgen. Das habe ich bereits in meiner 2003 veröffentlichten Dissertation dargelegt. Sport hat zwar einen hohen ideellen Wert. Im Spitzensport geht es aber am Ende vor allem immer auch um ganz handfeste finanzielle Interessen der Beteiligten, also um wirtschaftliche Belange, die der Staat außerhalb des Sports schon lange auch vor der Beeinträchtigung durch Wettbewerbsverfälschungen schützt und zwar auch strafrechtlich. Daher ist der Ansatz des Gesetzgebers aus meiner Sicht in jedem Fall richtig, auch wenn man noch über die eine oder andere Änderung am Entwurf nachdenken sollte. Insoweit teile ich auch die generell ablehnende Haltung vieler meiner Kollegen nicht.“

Und wie beurteilst du die Reaktion des DOSB darauf?

Der DOSB wollte ein derartiges Gesetz ja noch nie. Insofern verwundert mich dessen Haltung nicht. Wenn man es aber mit dem Kampf gegen Doping wirklich ernst meint, sollte man sich nicht so vehement dagegen wehren.

Bist Du dem Biathlonsport noch in irgendeiner Weise verbunden?

Als Olympiasieger kann ich jederzeit Weltcupveranstaltungen oder Weltmeisterschaften besuchen. Das nutze ich hin und wieder, auch um weiterhin Kontakt zu ehemaligen Sportlern und zum Biathlonsport insgesamt zu halten. Ruhpolding als „die“ Weltcupveranstaltung im Terminkalender ist natürlich ein Muss.

Wie siehst du die Entwicklung im deutschen Biathlonsport?

Sehr positiv. Wenn man sich allein die Ergebnisse dieser Saison ansieht, ist die Entwicklung in sehr kurzer Zeit viel besser verlaufen, als ich das nach der letzten Saison erwartet hätte. Das ist sehr erfreulich.

Hast du für dich ein Lebensmotto gefunden?

Nicht verbiegen lassen und das Leben genießen! Ansonsten ist der Sport für mich immer noch die schönste Nebensache der Welt.

Jens Steinigen ist ein ehemaliger deutscher Biathlet und Staffel-Olympiasieger von 1992. Er arbeitet seit 2000 als Rechtsanwalt in Traunstein, seit 2004 ist er zudem Fachanwalt für Arbeitsrecht.

So nüchtern und in einem Satz ließe sich der Protagonist des folgenden Gespräches beschreiben. Hinter dieser Kurzzusammenfassung steht allerdings auch ein Mensch, der sich in der DDR dem Doping verweigerte und zum Zerstörer seiner Sportart abgestempelt wurde.

 

 

Zum Hintergrund: Du gehörtest in der ehemaligen DDR zu den auserwählten Sportlern, die zu den Olympischen Spielen in Calgary 1988 entsandt werden sollten. Im Vorfeld wurdest Du aufgefordert, zu leistungssteigernden Mitteln zu greifen und hast dies abgelehnt. Erzähl` die Geschichte doch mal.

 

Es war ca. im Herbst 1985, als im Rahmen einer Teambesprechung die Einnahme gewisser Mittel an uns herangetragen wurde. Auf Nachfragen der Älteren in der Mannschaft wurde dann auch vom Mannschaftsarzt bestätigt, dass es sich um leistungssteigernde Präparate handelt, die auf der Dopingliste stehen. Es könne aber nichts passieren, da man die Mittel nur im Training einsetzen und mit Ausreisekontrollen sicherstellen würde, dass dies bei einer etwaigen Dopingkontrolle nach einem Wettkampf nicht auffällt. Ich habe mich dann dafür entschieden, die Präparate nicht zu nehmen. Anfangs habe ich sie einfach heimlich entsorgt, 1986 habe ich dann der Mannschaftsführung offiziell mitgeteilt, dass sie mir das Zeug bitte überhaupt nicht mehr zu geben brauchen. Nach diversen Diskussionen und Konflikten eskalierte das Geschehen im Herbst 1987 während eines Lehrgangs am Dachstein. Wenn man auf diese Mittel verzichtet, merkt man das natürlich schon im Training, z.B. weil der Körper nach den sehr harten Belastungen nicht so schnell regeneriert, wie bei anderen Sportlern. Im Ergebnis wurde ich aus der Nationalmannschaft geworfen und von der weiteren Olympiavorbereitung ausgeschlossen. Die Begründung der DDR-Sportführung lautete damals im Originalton, dass meine Persönlichkeitsentwicklung nicht ausreichen würde, um die Zielstellung zur Olympiade 1988 abzusichern.

 

Was ging da in Dir vor?

 

Ich wurde dann in die zweite Reihe versetzt und durfte dann nur noch an Wettkämpfen in den „sozialistischen Bruderländern“ teilnehmen. Natürlich war das eine riesige Enttäuschung für mich, Olympia war ja mein großer Traum. Ich habe auch darüber nachgedacht, ob es nicht doch besser gewesen wäre, bei der Rückfahrt vom Dachstein in die DDR einfach beim letzten Stopp in der BRD nicht mehr in den Mannschaftsbus einzusteigen. Darüber hatte ich während der Rückfahrt zwar nachgedacht, da ich schon etwas ahnte, hatte dies aber verworfen. Meine Freundin war damals schwanger und auch meinen Eltern und Geschwistern hätte man in der DDR wohl übel mitgespielt.

 

Hast Du damals ans Ende der Karriere gedacht? Kam die Wiedervereinigung irgendwie einer zweiten sportlichen Chance gleich?

 

Die Versetzung in die zweite Reihe kam international faktisch einem Karriereende gleich. Die Qualifikationskriterien für die Weltcupmannschaft wurden in den darauf folgenden zwei Jahren für die Sportler der zweiten Reihe dann auch so aufgestellt, dass eine Qualifikation praktisch ausgeschlossen war, oder die Qualifikation wurde gleich ganz abgesagt. Ohne den Fall der Mauer wäre meine Karriere wohl zu Ende gewesen. Ich selbst habe damals dann bei Nacht und Nebel meine Sachen zusammengepackt und bin über Tschechien nach Ruhpolding geflüchtet in der Hoffnung, meinen Sport dann weiter betreiben und wieder an Weltcups oder sogar an einer Olympiade teilnehmen zu können. Ohne Wiedervereinigung gäbe es heute keinen Olympiasieger Jens Steinigen.

 

Du hast, angesichts der auch in der nun „vereinigten“ deutschen Mannschaft nach wie vor vorhandenen ehemaligen DDR-Trainer einmal gesagt: „Ich kam vom Regen in die Traufe“. Wie darf man sich das vorstellen?

 

1990/91 bestand ja das Problem, dass exakt dieselben Trainer, die 1987 für die DDR-Mannschaft verantwortlich waren, nun für die gesamtdeutsche Mannschaft zuständig waren. Von diesen Trainern habe ich keine faire Behandlung erwartet, nach meinen Erlebnissen in der DDR.

 

Was hat Dich dazu gebracht, mit dieser Geschichte an die Öffentlichkeit zu gehen?

 

Die Ursache lag eigentlich in der Haltung des Deutschen Skiverbandes, der damals meinte, das DDR-Doping-Problem durch Druck aus der Welt schaffen zu können. Anfang 1991 habe ich Helmut Weinbuch sen. auf die Dopingvergangenheit der vom DSV im Biathlon eingesetzten ehemaligen DDR-Trainer aufmerksam gemacht. Er versprach mir Aufklärung. Es passierte aber nichts in diese Richtung. Im Gegenteil, von meinem damaligen Dienstvorgesetzten wurde mir kurz danach verboten, mit der Presse zu sprechen. Mein damaliger Trainer Wolfgang Pichler wurde in das Langlaufteam versetzt. Wir sahen dann eigentlich nur noch die Möglichkeit, uns an die Öffentlichkeit wenden, um überhaupt eine Chance auf die Qualifikation für Nationalteam und Olympia zu haben. Uns war klar, dass ich ohne einen Gang an die Öffentlichkeit auch im Westen keine realistische Chance auf die Teilnahme am Weltcup oder an Olympischen Spielen haben werde.

 

War diese Veröffentlichung mit ein Grund dafür, dass es letztlich trotzdem mit Olympia und sogar dem Olympiasieg geklappt hat?

 

Das war ganz sicher ein wesentlicher Grund. Z.B. hatte ich mich 1991 im Herbst recht souverän für die Weltcupmannschaft qualifiziert. Unmittelbar im Anschluss an das Ende der Qualifikation wurde dann von den Trainern beschlossen, dass die Qualifikation doch nicht zählt und noch einmal um eine Woche verlängert wird. Wolfgang Pichler sprach dann Herrn Weinbuch sen. auf diese erneute Benachteiligung an. Man fürchtete dann beim DSV wohl, dass man sich in der Öffentlichkeit damit auseinandersetzen muss, revidierte die Trainerentscheidung wieder und nominierte mich doch für den Weltcup, dies allerdings mit der Einschränkung, dass ich beim ersten Weltcup in Hochfilzen keinerlei Betreuung seitens des Verbandes bzw. der Nationalmannschaft erhalte und auch abseits der Mannschaft wohnen muss. Wir haben dann einfach unser eigenes Team zusammengestellt und sind nach Hochfilzen gefahren. Den erster Weltcup nach fast 5 Jahren, 20 Km in Hochfilzen, habe ich dann trotz schlechter Startnummer gleich gewonnen, womit auch schon die Olympiaqualifikation geschafft war. Kritisch wurde es in dieser Saison dann nur noch einmal vor dem letzten Weltcup-Einzelrennen vor den Olympischen Spielen. Am Freitag vor dem 10-Km-Rennen in Ruhpolding hatte das NOK die Olympiamannschaft bekanntgegeben, mein Name war natürlich darunter. Dies wurde dann vom DSV kurz danach wieder dementiert, da ich nach dem Sieg in Hochfilzen nicht mehr im Weltcup gepunktet hatte und man sich daher evtl. doch noch für andere Sportler entscheiden würde, jedenfalls wenn ich auch am Samstag im 10-Km-Rennen wieder eine schlechte Leistung abliefere. Für schwache Nerven war das nichts, zumal ich vor dem Wettkampf dann auch noch von vielen Pressevertretern darauf angesprochen wurde, es eigentlich kein anderes Thema gab. Auch das 10-Km-Rennen in Ruhpolding habe ich dann gewonnen, so dass jede Diskussion beendet war. Die Krönung in dieser Saison war dann natürlich der Olympiasieg.

 

Du bist heute Rechtsanwalt, wie und wann hast du Dich dazu entschlossen?

 

Im Frühjahr 1993 habe ich beschlossen, Jura zu studieren. Ich bin dann zu den Laufbahnberatern des Olympiastützpunktes Bayern gegangen. Axel Kuhlen hat sich dann der Sache angenommen, den Kontakt zur LMU Kontakt hergestellt und mir sehr geholfen, etwa indem er zusammen mit der Uni meinen Studienplan, abgestimmt auf meine Sportlerkarriere, erarbeitet hat. Den Plan habe ich dann allerdings nicht eingehalten. Geplant war, das erste Staatsexamen nach 12 Semestern abzulegen. Ich habe dann schon nach 8 Semestern ein recht gutes erstes Staatsexamen geschrieben.

 

Heute wird ja oft von „Dualer Karriere“ gesprochen. Wie siehst du rückblickend diese Entwicklung?

 

Die Problematik der Vereinbarkeit von Schule bzw. Ausbildung und Leistungssport war ja schon lange bekannt. Ich sehe aber, dass sich die Rahmenbedingungen für Sportler in den letzten Jahren erheblich verbessert haben, auch weil bei allen am Sport beteiligten Institutionen inzwischen deutlich mehr Problembewusstsein vorhanden ist. Ich begrüße das sehr.

 

Du hast versucht, eine Art symbolische Entschädigung für Opfer des DDR-Dopings Systems zu erhalten. Warum der Versuch, Unrecht eines nicht mehr existenten Staates im Nachfolgestaat wieder gut machen zu wollen?

 

Ich habe als Anwalt Anfang des letzten Jahrzehnts einen Prozess gegen das NOK für Deutschland geführt, in dem es um die Entschädigung für ein Opfer des DDR-Dopingsystems ging. Zuvor hatte ich die Sportlerin im Strafprozess gegen ehemalige DDR-Sportfunktionäre als Nebenklägerin vertreten. Im Strafprozess ging es aber natürlich nicht um Entschädigungen. Nach dem Ende des Strafprozesses stellte sich dann die Frage nach Entschädigung für die, die tatsächlich auch körperliche Schäden aufgrund Dopingmissbrauchs davon getragen hatten. Aber es war nach dem Ende der DDR und der Auflösung der dortigen Sportorganisationen schwer, dafür jemanden verantwortlich zu machen. Im Rahmen meiner Recherchen erhielt ich dann den Tipp, dass das NOK der DDR Anfang der 1990er Jahre sein gesamtes Vermögen, etwa 5 Mio. DM, auf das NOK West übertragen hatte. Damals gab es im BGB noch eine Vorschrift, aus der sich ergab, dass Ansprüche auch gegen denjenigen geltend gemacht werden können, der das Vermögen eines anderen übernimmt. Nachdem die Haftung des NOK der DDR für Schäden von ehemaligen DDR-Sportlern auf Grund der Beteiligung am flächendeckenden DDR-Dopingsystem letztlich unproblematisch war und das NOK West dessen gesamtes Vermögen übernommen hatte, lag es also nahe, das NOK West in einer Art Musterprozess in Anspruch zu nehmen. Auch wenn im Westen natürlich niemand für das DDR-Dopingsystem verantwortlich gemacht werden kann, so gab es aus meiner Sicht doch zumindest eine gewisse moralische Verantwortung des nach der Wiedervereinigung gesamtdeutschen Sports für die Geschädigten des DDR-Dopings Systems, der auf diesem Weg auch die juristische Verantwortung folgte. Ergebnis dieses Prozesses waren dann nicht unerhebliche Entschädigungszahlungen an eine Vielzahl von geschädigten Sportlern. Rein juristisch war das natürlich auch ein sehr großer Erfolg.

 

Kannst Du das alles nach über 20 Jahren vergessen und eventuell vergeben?

 

Ich bin mit mir und dem Sport absolut im Reinen. Ich wollte unbedingt Olympiasieger werden, das habe ich geschafft, also ist alles OK. Man ärgert sich höchstens auch nach 20 Jahren noch über den einen oder anderen Fehlschuss zu viel. Dafür kann aber außer mir wirklich niemand etwas.

 

Rückblickend: Würdest Du behaupten, in dieser Angelegenheit alles richtig gemacht zu haben oder hättest Du gewisse Dinge mit der Erfahrung von heute anders gemacht?

 

Im Nachhinein betrachtet habe ich alles richtig gemacht, selbst wenn damals in vielen Situationen nicht genügend Zeit blieb, über die Dinge ausreichend nachzudenken.

 

Hast Du als Rechtsanwalt schon mal mit Doping-Opfern zu tun gehabt?

 

Seit dem oben erwähnten Verfahren damals nicht mehr, aber die Arbeit als Rechtsanwalt geht dennoch nie aus.

 

Es liegt ja nun ein Gesetzentwurf „Antidopinggesetzgebung“ vor. Wie beurteilst du diesen aus Sicht des Juristen und ehemaligen Sportlers.

 

Im Detail habe ich mir den Entwurf noch nicht angesehen. Es steht für mich aber außer Frage, dass der Gesetzgeber etwas unternehmen muss. Die Sportverbände alleine können Doping nicht effektiv bekämpfen, schon weil sie gar nicht über die rechtlichen Möglichkeiten verfügen, wie sie etwa stattliche Ermittlungsbehörden haben. Wenn man die Dopingbekämpfung auch weiterhin allein in die Hände der Sportverbände legt, so wäre das aus meiner Sicht in etwa so, als wenn man dem „Verein der Steuerhinterzieher“ die Aufgabe überträgt, die Steuerehrlichkeit seiner Mitglieder zu überprüfen. Daher ist der Der Ansatz einer Gesetzgebung ist aus meiner Sicht somit in jedem Fall richtig und machbar, auch wenn man noch über die eine oder andere Änderung am Entwurf nachdenken sollte. Insoweit teile ich auch die generell ablehnende Haltung vieler meiner Kollegen nicht.

 

Vorschlag Jens:

„Es steht für mich außer Frage, dass der Gesetzgeber etwas unternehmen muss. Die Sportverbände alleine können Doping nicht effektiv bekämpfen, schon weil sie gar nicht über die rechtlichen Möglichkeiten verfügen, wie sie etwa stattliche Ermittlungsbehörden haben, dies zumindest teilweise wohl aber auch gar nicht so recht wollen. Ich sehe den Staat sogar in der Pflicht, gegen Manipulationen einzuschreiben und auch im Spitzensport für einen fairen Wettbewerb zu sorgen. Das habe ich bereits in meiner 2003 veröffentlichten Dissertation dargelegt. Sport hat zwar einen hohen ideellen Wert. Im Spitzensport geht es aber am Ende vor allem immer auch um ganz handfeste finanzielle Interessen der Beteiligten, also um wirtschaftliche Belange, die der Staat außerhalb des Sports schon lange auch vor der Beeinträchtigung durch Wettbewerbsverfälschungen schützt und zwar auch strafrechtlich. Daher ist der Ansatz des Gesetzgebers aus meiner Sicht in jedem Fall richtig, auch wenn man noch über die eine oder andere Änderung am Entwurf nachdenken sollte. Insoweit teile ich auch die generell ablehnende Haltung vieler meiner Kollegen nicht.“

 

Und wie beurteilst du die Reaktion des DOSB darauf?

 

Der DOSB wollte ein derartiges Gesetz ja noch nie. Insofern verwundert mich dessen Haltung nicht. Wenn man es aber mit dem Kampf gegen Doping wirklich ernst meint, sollte man sich nicht so vehement dagegen wehren.

 

Bist Du dem Biathlonsport noch in irgendeiner Weise verbunden?

 

Als Olympiasieger kann ich jederzeit Weltcupveranstaltungen oder Weltmeisterschaften besuchen. Das nutze ich hin und wieder, auch um weiterhin Kontakt zu ehemaligen Sportlern und zum Biathlonsport insgesamt zu halten. Ruhpolding als „die“ Weltcupveranstaltung im Terminkalender ist natürlich ein Muss.

 

Wie siehst du die Entwicklung im deutschen Biathlonsport?

 

Sehr positiv. Wenn man sich allein die Ergebnisse dieser Saison ansieht, ist die Entwicklung in sehr kurzer Zeit viel besser verlaufen, als ich das nach der letzten Saison erwartet hätte. Das ist sehr erfreulich.

 

Hast du für dich ein Lebensmotto gefunden?

 

Nicht verbiegen lassen und das Leben genießen! Ansonsten ist der Sport für mich immer noch die schönste Nebensache der Welt.