Was machen eigentlich Richard Trautmann und Florian Wanner (Judo)?

Der gebürtige Münchner Richard (Ritchi) Trautmann gewann bei den Olympischen Spielen 1992 und 1996 jeweils die Bronzemedaille. Florian Wanner wurde Weltmeister 2003.

Was macht ihr beide heute?

R.T: Ich bin seit 2009 Bundestrainer Junioren männlich im Deutschen Judobund.

F.W: Ich bin als Key Account Manager bei einem Verpackungsunternehmen tätig und hier für Großkunden zuständig. Nach meinem sportlichen Rücktritt habe ich zunächst mein Studium als Diplomvolkswirt abgeschlossen, war dann bei einem Energieversorger als Unternehmensberater tätig und bin dann nach einem einjährigen Masterstudium in England zu meiner jetzigen Arbeitsstelle gewechselt.

Welcher Erfolg oder allgemein sportliche Moment war der Schönste?

F.W: Der schönste sportliche Moment war eigentlich die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2000 in Sydney und dort der Einmarsch der Nationen in das Olympiastadion. Ein unvergessliches Erlebnis!

R.T: Das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Ich erinnere mich an eine Szene, als ich mit 13 Jahren süddeutscher Meister wurde, wo ich mindestens ebenso überwältigt war, wie 1992 bei den Olympischen Spielen. Aber natürlich war 1992 schon etwas ganz Besonderes, da das auch mein internationaler Durchbruch war. Ich hoffte, unter die besten sieben zu kommen, von einer Medaille habe ich allerdings nicht zu träumen gewagt.

Wie bist Du überhaupt zum Judo gekommen und was ist das Faszinierende an dieser Sportart?

R.T: Eigentlich ganz banal. Ich war fünf Jahre alt und die Nachbarsmädchen, in dem Haus in dem ich damals wohnte sind zum Judo gegangen und ich eben mit. Ich bin dann eben dabei geblieben, auch wenn das damals mit Judo natürlich nicht viel zu tun hatte. Erst mit einem Wechsel der Trainingsgruppe und dem Einstieg ins Kampfgeschehen ist das Ganze allerdings „ernst“ geworden.

F.W: Ein Freund von mir hat mich irgendwann zum Judo-Training mitgenommen und schließlich habe bin ich, obwohl ich noch viele weitere Sportarten betrieben habe, wegen der anspruchsvollen Komplexität und den ersten Erfolgen, beim Judo geblieben. Mit 14 bin ich dann nach München zum TSV Großhadern gewechselt.

Dem Judosport seid ihr beide ja als Trainer nach wie vor verbunden. Was sind da die Aufgaben?

F.W: Der Umfang in Bamberg ist sehr gering, da ich beruflich stark eingespannt bin. Ich leite dort alle 14 Tage ein Stützpunkttraining oder bin zu Lehrgängen und Trainingscamps eigenladen, aber eben alles in zeitlichen Grenzen.

R.T: Ich bin sozusagen das Bindeglied zwischen der U18 und den Männern. Die Jungs beginnen in dieser Phase richtig mit dem Leitungssport und müssen sich auch bezüglich der Einteilung Beruf/Sport entscheiden. Ich bilde diese Jungs technisch, taktisch und physisch aus, damit sie später in der Erwachsenenszene Erfolg haben können. Außerdem ist natürlich eine der vorrangigen Aufgaben auch, die Juniorennationalmannschaft in der Qualifikation zu betreuen und sie dann auf die jeweiligen Jahreshöhepunkte EM und WM vorzubereiten und diese dann gemeinsam mit der Mannschaft zu bestreiten. Natürlich berate ich sie aber auch bei einem eventuellen Stützpunktwechsel, was vor allem bei denjenigen, die bisher sehr talentiert in der sportlichen Provinz gekämpft haben oft sehr schwierig ist, vor allem auch was die Vereinbarkeit von Schule und Sport betrifft.

Wie beurteilst Du die Strategie des DJB, C-Kader zu einem Wechsel an einen Bundesstützpunkt/OSP zu verpflichten und welche Anforderungen kommen dadurch auf die OSPs zu?

R.T: Anders kann man es eigentlich nicht machen. Wir sind eine Partnersportart, das wichtigste Trainingsgerät für uns sind andere Judoka. Eine Konzentration mit starken Trainingsgruppen ist unerlässlich, was ja z.B. hier in München seit Jahren konsequent praktiziert wird. Aktuell haben wir in Deutschland sieben Bundesstützpunkte. Nur dort sind die Voraussetzungen gegeben, um sich so zu entwickeln, dass man international erfolgreich sein kann. Die jungen Athleten davon zu überzeugen, dass sie diesen Wechsel vollziehen müssen ist nicht immer ganz einfach, da nach wie vor viele Heimtrainer meinen, den Olympiasieger in Eigenregie formen zu können.

Wie steht ihr zum Thema Duale Karriere im Spitzensport?

R.T: Unsere Sportart ist sehr trainings- und reiseaufwändig. Unser Wettkampfzirkus, auch im U18 und U21 Bereich hat sich extrem entwickelt. Fast jedes Wochenende findet irgendwo ein internationales Turnier statt. Daneben noch eine Ausbildung zu absolvieren, ist schon sehr schwierig, auch wenn meines Erachtens nach kein Weg daran vorbeiführt. Gerade hier sind die Olympiastützpunkte unsere wichtigsten Ansprechpartner für die weitere berufliche Ausbildung, da wir in unserer Sportart eben kaum etwas verdienen.

F.W: Natürlich kann man Tipps geben, aber letztlich muss jeder junge Mensch selbst entscheiden. Mein Rat ist allerdings immer, die Zeit nach der Karriere im Auge zu behalten, seine Ausbildung mit Augenmaß und guter Organisation voranzutreiben und auch tatsächlich alle sich bietenden Möglichkeiten, z.B. über die Olympiastützpunkte zu nutzen.

Was waren Deine eigenen Erfahrungen?

F.W: Der Olympiastützpunkt Bayern mit seiner Abteilung Laufbahnberatung war mir da schon eine große Hilfe, die ich auch ausgiebig in Anspruch genommen habe. Generell gehört dazu allerdings auch ein hohes Maß an Koordination zwischen Sport und Ausbildung und entsprechende Selbstdisziplin.
Mein Übergang in den Beruf war eigentlich nicht so dramatisch, da ich nach meinem sportlichen Abschied der aktiven Karriere überhaupt nicht nachgetrauert habe. Ich habe mir neue Ziele gesetzt, zunächst das Studium gut abzuschließen, dann einen zufrieden stellenden Beruf ergreifen, es war also nicht so schwer für mich.

R.T: Zu meiner Zeit war das System zwar noch nicht so aufgebläht, nichtsdestotrotz waren auch wir sehr viel unterwegs. Ich selbst habe in München Sport studiert und wurde z.B. kurz vor den Olympischen Spielen 1992 nach einer erneuten bitte um Freistellung mit den Worten empfangen, ich solle mich nun langsam entscheiden, ob ich Sport studieren oder Sport machen wolle. Das war ein äußerst frustrierender Moment, da ich eigentlich gerade im Bereich des Sportstudiums Verständnis für Leistungssport erwartet hätte. Ich kam denn auch mit dem Studium aufgrund meiner Abwesenheiten nicht so recht weiter, brach ab und bin unter tatkräftiger Mithilfe des Olympiastützpunkt Bayern in ein Ausbildungssystem als Industriekaufmann bei Mercedes-Benz gekommen, das mir auch eine Konzentration auf den Sport erlaubte. Das zu vereinbaren war zwar auch Stress, aber es war eben machbar und für mich der richtige Weg. Später habe ich dann noch auf der Trainerakademie in Köln den Diplomtrainer gemacht und konnte so, damals als Assistenztrainer bei Frank Wienecke in die Trainerlaufbahn einsteigen.

Was hat sich in Deiner Sportart im Vergleich zu den 80er, 90er und 00er Jahren verändert und wie könnte man Judo noch publikumswirksamer gestalten/präsentieren?

R.T: Es hat sich unheimlich viel verändert. Gerade wir Trainer sehen uns beinahe wöchentlich mit irgendwelchen Regeländerungen konfrontiert, die den Sport noch attraktiver machen sollen. Irgendwann sollte man aber auch aufhören, den Sport für jedermann verständlich zu machen. Judo ist eben eine teilweise sehr komplizierte Sportart, die dem Außenstehenden nicht durch Regelverwässerungen sondern eher durch gestiegene TV-Präsenz näher gebracht werden kann. Vor Boris Becker hat sich in Deutschland auch kaum jemand für Tennis interessiert, danach fast Jeder. Nur wenn die Sportart dem Zuseher laufend näher gebracht wird, hat er auch die Chance, Interesse zu entwickeln und die Regeln zu verstehen.

F.W: Ich muss ehrlich sagen, dass der Abstand zum Judo inzwischen schon sehr groß geworden ist. Aus der Distanz gesehen, glaube ich, dass der internationale Verband gute Arbeit leistet. Judo sitzt als olympische Sportart fest im Sattel. Die Wettkampfregeln betreffend hat man die spektakulären Wurftechniken, die ich aus meiner Zeit noch kenne, regeltechnisch leider unterbunden, meines Erachtens zum Nachteil der Attraktivität. Bei einer eventuell zu steigernden Publikumswirksamkeit erhebt sich die Frage, ob man das überhaupt möchte. Judo ist ein komplizierter Sport, der niemals so einfach zu vermitteln sein wird, wie beispielsweise Fußball. Von daher bin ich der Meinung, dass es gar nicht möglich ist und dem Sport sogar abträglich wäre, wenn man Judo quasi für jedermann verständlich gestalten würde. Hinter dem alles überstrahlenden Fußball hat sowieso keine andere Sportart realistische Chancen auf überproportionale Medienpräsenz, insofern kann man auch alles lassen, wie es ist.