Was macht eigentlich...Thomas Schmidt?

Er ist einer aus der langen Reihe von erfolgreichen Weltklasse-Slalomkanuten aus Augsburg: Thomas Schmidt wurde bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney Olympiasieger im Einer-Kajak. Bei den Spielen 2004 in Athen wurde er Fünfter.

Was macht Thomas Schmidt heute?

Mittlerweile bin ich bei der Firma KUKA Systems GmbH in Augsburg im Bereich Vertrieb von Automationslösungen im Luft- und Raumfahrtsektor angestellt.

Und der Weg dorthin?

Nach Abschluss meines Masterstudiums (Vertiefungsrichtung Leichtbau) und meiner Rückkehr von einem Auslandsaufenthalt in Australien nach Deutschland stieg ich bei MT Aerospace in Augsburg in der Konstruktion von Leichtbaustrukturen vornehmlich aus Faserverbund ein. Danach war ich 6 Jahre beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt in Augsburg, wo ich die Forschungseinrichtung mit dem Schwerpunkt Produktionstechnologie für Leichtbaustrukturen mit aufbaute und die Verantwortung für das technische und wissenschaftliche Personal innehatte. Dann ging es zu KUKA.

Olympiasieger zu werden ist wohl der Traum jedes Sportlers. Erzähl` doch etwas über die Tage und Stunden des Triumphes von Sydney 2000.

Diese Ereignisse sind immer mal wieder präsent. In Erinnerung geblieben ist z.B. besonders die Eröffnungsfeier. Vorher bereitet man sich auf die Spiele vor, trainiert und wartet bis es losgeht, aber es kommt einem noch sehr weit entfernt vor. Als wir dann durch die Katakomben ins Stadion geführt wurden, war dies allerdings Gänsehaut pur. Erst da wusste ich: Nun geht`s wirklich los.

Von den Fahrten selbst habe ich nicht mehr so viel in Erinnerung. Das war übrigens bei fast allen meinen guten Fahrten so und hängt wohl mit der berühmten „Zone“ zusammen. Man handelt in dieser „Zone“ eher intuitiv, da bewusstes Handeln im Rennen einen eher langsamer machen würde. Andererseits bleiben natürlich bewusste Handlungen eher in Erinnerung, als intuitive. Auch wenn ich früher nach dem Training gefragt wurde, wie es denn so war, konnte ich mich eher an die Fehler als an die gut gemeisterten Passagen erinnern.

Du bist als Außenseiter zu den Olympischen Spielen gereist, hattest vorher noch nicht mal eine WM bestritten. War dadurch die Nervenanspannung weniger groß?

Das war schon so. Es gab andere, die viel weiter oben auf der Favoritenliste standen. Auch mein Auftritt beim direkt voraus gehenden Weltcup war ja nicht berühmt. Man kann zwar nicht sagen, dass ich gänzlich ohne Druck gefahren bin, aber sicherlich lockerer als die großen Favoriten.

Bei den Spielen 2004 bist Du Fünfter geworden, allerdings mit einem selbst gebauten Boot. Wie schafft man das denn?

Ich war 2002 mit dem Studium fertig und wollte bis 2004 noch Sport und Beruf miteinander vereinbaren. Allerdings ließ sich im Bereich Engineering oder Maschinenbau kein Job finden, der diese Vereinbarkeit gestattete. Eher zufällig wurde ich dann an meiner ehemaligen Hochschule von meinem Professor gefragt, ob ich denn nicht an irgendeinem Projekt arbeiten würde. Wenn ja, könne man mich dort nämlich anstellen. Also habe ich ziemlich schnell ein Projekt formuliert, was mir schon seit Jahren im Kopf rumschwirrte, dazu einen Antrag beim Bundesinstitut für Sportwissenschaft formuliert und einige Sponsoren akquiriert. Damit kam ich zu einer Anstellung an der Hochschule als Laboringenieur und Leiter des Projekts: „Entwicklung eines Monocoque Kajaks in Verbundbauweise“ für das ich zugleich Testkandidat war. So konnte ich zwei identische, hervorragende Boote für die Olympischen Spiele 2004 entwickeln. Zum damaligen Zeitpunkt war es außergewöhnlich zwei identische Boote im Gebrauch zu haben.

Du stammst ursprünglich aus Bad Kreuznach und bist dann des Sports wegen nach Augsburg gezogen. Inwieweit konntest Du und können auch noch heutige Slalomkanuten von der Trainingsstrecke am Augsburger Eiskanal profitieren?

Augsburg ist nach wie vor eine der besten Trainings- und Wettkampfstrecken weltweit. Der Eiskanal bietet alles an Herausforderungen mit einer extrem großen Bandbreite. Direkt nebenan das Leistungszentrum in unmittelbarer Stadtnähe, all dies zusammen sind perfekte infrastrukturelle Randbedingungen.

Du warst von 2008 bis Ende 2016 in der Slalom-Kommission des Internationalen Kanu-Verbandes (ICF) und hast in dieser Eigenschaft auch bei den Spielen 2012 und 2016 den Kurs gestaltet. Reicht es, da einfach ein paar Tore zu hängen?

Einfach schnell ein paar Tore zu hängen genügt sicherlich nicht, da kann man sehr viel falsch machen. Mit der Torhängung steht und fällt schließlich der Wettkampf. Zum einen kann man die Tore so hängen, dass die Athleten alles andere als begeistert davon sind, was den eigenen Beliebtheitsgrad sprunghaft senken kann, zum anderen bringe ich die Kampfrichter gegen mich auf, wenn ich Kombinationen hänge, die extrem schwer zu werten sind. Wenn ich es dann auch noch schaffe, den Kurs so langweilig zu gestalten, dass die TV-Zuschauer reihenweise abschalten, habe ich die volle Punktzahl. Es gibt also schon eine Reihe von Dingen zu beachten: Der Kurs muss so schwer sein, dass er auch für die besten Athleten eine Herausforderung darstellt, andererseits dürfen die schwächeren Athleten daran nicht komplett scheitern oder sich gar verletzen. Gleichzeitig muss der Kurs spannend für die Zuschauer und spektakulär im TV  sein. Auch auf aktuelle Trends bei den Torkombinationen sollte man tunlichst achten. Das Ganze dauert dann zwei, drei Tage, bis man eine umsetzbare Idee für eine ausgewogene Kursgestaltung hat.

Was macht die Sportart Kanuslalom in Deinen Augen so attraktiv?

Nach wie vor die Komplexität. Kein Wettkampf ist wie der andere. Für mich wäre es unerträglich gewesen, mehr oder minder bei jedem Rennen dieselben Bedingungen vorzufinden. Man muss sich auf jeden Kurs neu einstellen und für jeden Lauf eine eigene Taktik parat haben.

Hat sich Kanuslalom im Vergleich zu „Deiner Zeit“ grundlegend verändert?

Grundlegend sicher nicht. Die Streckenlänge beträgt immer noch zwischen 80 und 100 Sekunden, dort hängen immer noch rote und grüne Tore, die Grundcharakteristik ist also gleich geblieben. Allerdings hat sich die Sportart weiterentwickelt. Die Boote wurden kürzer, die Streckenlänge ebenfalls, mit dem C1 der Damen wurde eine neue Disziplin integriert. Es fand also keine Revolution sondern eher eine Evolution der Sportart statt.

Wie könnte sich die Sportart Kanuslalom noch publikumswirksamer darstellen?

Grundsätzlich würde ich die Sportart nicht zu stark verbiegen. Der Kern der Sportart ist es nun einmal, in möglichst kurzer Zeit um die hängenden Stangen zu fahren. Dies sollte so auch erhalten bleiben. Wir haben aber dennoch mit Boatercross bzw. Extreme Slalom neue Ansätze gefunden, die Sportart vielleicht noch attraktiver zu machen. Man geht hierbei mit vier Booten gleichzeitig auf die Strecke und die ersten beiden kommen eine Runde weiter. Das ist sehr publikumsfreundlich und beim Weltcup in Augsburg diesmal schon zum offiziellen Wettkampfprogramm gehörend.