Was macht eigentlich…Verena Bentele?

Die von Geburt an blinde frühere deutsche Biathletin und Skilangläuferin Verena Bentele ist zwölffache Paralympics-Siegerin.
Fünf dieser zwölf Goldmedaillen gewann Bentele in Vancouver 2010. 2011 erklärte sie schließlich das Ende ihrer Sportkarriere, nicht ohne im Dezember noch als Weltbehindertensportlerin des Jahres geehrt zu werden. Wir wollten wissen, was sie heute macht.

Was machst Du heute, bzw. hast Du seit dem Ende Deiner sportlichen Karriere gemacht?

Um es chronologisch zu beschreiben: Im Februar 2011 habe ich mein Studium der Literaturwissenschaften in München abgeschlossen und direkt im Anschluss keine Bewerbungen für irgendeinen Beruf versandt, sondern mich entschieden zunächst Vorträge für Firmen zu halten. Themen waren u.a. Teamarbeit, Umgang mit Leistungsdruck, vertrauen und Kommunikation. Um Einzelpersonen und Teams in Veränderungsanliegen gezielt unterstützen zu können, habe ich 2011 eine Ausbildung als systemischer Coach gemacht (Team- und Einzelpersonen- und auf Veränderungsprozesse bezogen, Anm. d. Red.).
2012 begann dann mein politisches Engagement als Beraterin für Sport und Inklusionsfragen im Wahlkampfteam von Christian Ude als Bayerischer Ministerpräsident. 2013 nominierte man mich für den Münchner Stadtrat und Ende 2013 erhielt ich schließlich einen Anruf von Andrea Nahles (Bundesarbeitsministerin, Anm. d. Red.), mit der Frage, ob ich mir vorstellen könne, Beauftragte der Bundesregierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen zu werden. Obwohl dieses Angebot sehr überraschend kam, habe ich schließlich zugesagt, weil ich wohl immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen bin. Die Herausforderungen hier waren einerseits Politik in Berlin, andererseits alle gesellschaftlichen und rechtlichen Fragen zu bearbeiten die Menschen mit Behinderungen betreffen.

Was musstest Du in der Politik lernen?

Ich musste sehr bald feststellen und manchmal schmerzhaft lernen, den Kompromiss in der Politik als Erfolg zu betrachten. Als Spitzensportlerin, die  nach maximalem Erfolg strebt, war das natürlich ein Lernprozess. Auch die nötige Geduld bis zur Umsetzung eines politischen Zieles stellte zunächst eine ungewohnte Herausforderung dar, zumal Ziele oft genug aufgrund der Umstände und von Mehrheiten nicht erreicht werden.

Hast Du das Gefühl, in der Politik wirklich etwas bewirken zu können und wenn ja, was genau?

Absolut. Ich kann auch schon auf einige Erfolge verweisen. So habe ich dazu beigetragen, dass das Sexualstrafrecht reformiert wurde. Früher wurden Täter weniger hart bestraft, wenn sie Personen mit einer geistigen Behinderung missbraucht haben die ihren Widerstand nicht klar äußern konnten. Der Strafrahmen wurde hier deutlich verschärft.
Es wurde auch eine Schlichtungsstelle für Menschen mit Behinderung eingerichtet, die von Behörden des Bundes eine Diskriminierung erfahren. Wenn sie also beispielsweise ein Gebäude des Bundes nicht betreten können und somit an einem Gespräch nicht teilnehmen können, dann kann die Schlichtungsstelle hier eine Lösung herbeiführen.

Das ist genau das Stichwort: Momentan ist ja der behindertengerechte Umbau des Zugangs zum Olympiastützpunkt Bayern im Gespräch. Wie stehst Du dazu?

Das ist eigentlich ganz einfach: Barrierefreiheit ist ein Muss. Wir haben die EU-Behindertenrechts-Konvention ratifiziert und uns damit zur Inklusion bekannt, also muss diese auch umgesetzt werden. Und zwar nicht erst in 10 Jahren. Bis dahin sind möglicherweise viele Sportlerkarrieren von Menschen mit Behinderung beendet oder haben erst gar nicht begonnen. Ich weiß ja von meiner Zeit am OSP sehr genau, wie hoch die Barrieren beim Zugang für Rollstuhlfahrer oder auch nur im Fall einer Sportverletzung sind.

Welcher von Deinen fast zahllosen sportlichen Erfolgen oder welche sportliche Begebenheit ist Dir am nachhaltigsten in Erinnerung geblieben?

Eindeutig die Spiele in Vancouver, da ich nach einem schweren Unfall 2009 stärker als je zu vor zurückkam. In Vancouver habe ich erlebt was möglich ist wenn wir von unserem Erfolg überzeugt sind. Wettkämpfe, wie die lange Biathlon-Distanz zu gewinnen, was mir vorher nie geglückt ist, war großartig. Auch die nordische Heim-WM der paralympischen Biathleten 2003 war ein herausragendes Erlebnis. Hier konnte man deutlich sehen, wieviel Aufmerksamkeit der paralympische Sport genießen kann, wenn der Veranstalter gute Werbung macht und die Medien ausführlich berichten. 2017 finden in Finsterau im bayerischen Wald erneut nordische Weltmeisterschaften für paralympische Biathleten und Langläufer statt, worauf ich mich schon sehr freue.

Du hast 2013 ja sogar den Kilimandscharo bestiegen. Warum?

Ich fand es spannend, a) auf dem höchsten Punkt eines Kontinents zu stehen und b) sieben Tage von einer Freundin geführt einen Berg zu besteigen. Ich bin weder Bergsteigen, noch das ständige geführt-werden gewohnt gewesen.

Was hast Du sonst noch so vor und wo siehst Du Dich in 20 Jahren?

Kurzfristig möchte ich in dieser Legislaturperiode noch die ein oder andere positiver Veränderung für Menschen mit Behinderungen umsetzen. Was in 20 Jahren ist, kann ich natürlich noch nicht genau sagen, aber ich möchte mich immer für etwas engagieren, das einen Sinn ergibt. Und ich möchte mich nicht langweilen, deshalb kommen noch viele neue unerwartete Herausforderungen. Die werde ich mir immer suchen.

Gibt es etwas Besonderes, was Du als Mensch mit Behinderung  nicht-behinderten Menschen sagen möchtest?

Man kann am Meisten voneinander lernen, indem man mit Fragen aufeinander zugeht und gemeinsame Erlebnisse teilt. Nichts ist störender, als Vorurteile ohne persönliche Meinungsbildung. Also sollten wir alle viel miteinander sprechen, nur so sehen wir das Besondere in anderen.